Daß Gregor Gysi der populärste Linke in Deutschland ist, verdankt er seiner moralischen Statur. In ihm verbinden sich intellektueller Scharfblick, hartnäckiges Pochen auf Gerechtigkeit und die Lust an der geistigen Herausforderung mit einem Charme, dem auch politische Gegner sich nicht immer entziehen können.
Gysi weiß, daß wir um eine "soziale Angleichung" nicht herumkommen, daß wir unseren Reichtum teilen, daß wir mit weniger auskommen müssen. Doch weder die kapitalistische noch die marxistische Ideologie könne dies den Menschen schmackhaft machen. Daß wir bescheidener werden müssen, der Natur nur soviel entnehmen dürfen, wie wir ihr zurückgeben: Daß weniger mehr ist, ein Mehr an Freiheit, können offenbar nur Religionen glaubhaft vermitteln.
Thich Nhat Hanh freilich macht deutlich, daß religiöse Unterfütterung, gar eine spirituelle Erneuerung von Politik erst dann gelingen wird, wenn Politiker nicht mehr nur Ideen verkünden, sondern auch sich selbst, ihr Verhalten, ihren hektischen Lebensstil ändern. Sie müssen selbst die Ideale verkörpern, in deren Namen sie agieren.
Ganz strenger Zen-Meister, der sich von bloßen Worten nicht beeindrucken läßt, fordert Thich Nhat Hanh die Politiker auf, innezuhalten und sich und ihre Situation tief anzuschauen. Vor allem anderen müßten sie lernen, sich von allen Standpunkten und Ansichten frei zu machen: "Die höchste politische Ansicht ist es, keine Ansicht zu haben !"
Statt rhetorischer Schlachten solle im Parlament die Kunst des aufmerksamen Zuhörens und des liebevollen Sprechens kultiviert werden: eine neue Kultur des Politischen - gespeist aus den Erfahrungen von klösterlichen Gemeinschaften wie seiner eigenen in "Plum Village". Dahin lud er Gregor Gysi mit warmen Worten ein: aus ihm könne ein guter buddhistischer Mönch werden !