Eigentlich geht das gar nicht: eine strapaziöse Pilgerwanderung durch Deutschland mitmachen, 20 bis 30 km am Tag mitmarschieren und währenddessen die anderen und sich selbst zu filmen. Entweder man macht etwas oder man filmt, was andere machen - aber beides zugleich ?
Nur - Babette Herchenröder hat sich noch nie darum gekümmert, was geht und was nicht, was man darf (und soll) und was nicht. Vor ein paar Jahren kaufte sich die Abenteurerin, Fotografin und "Guerilla-Filmemacherin", wie sie sich selbst nennt, ein Pferd und ritt damit von einer schottischen Insel heim nach Berlin-Frohnau - obwohl sie weder von Pferden noch vom Reiten etwas verstand. "Learning by doing" scheint ihre Lebensrichtlinie zu sein. Verglichen mit jenem Ritt war diese Pilgerreise quer durch Deutschland, von Berlin bis Trier, also gar nicht so schwierig.
Hinzu kommt, daß sie diesmal nicht allein war. Geleitet - und spirituell im Lot gehalten - wurde die Gruppe von Pilgern nämlich von Claude Anshin Thomas. Dieser Amerikaner war ein traumatisierter Vietnam-Veteran, bevor er durch Thich Nhat Hanh zum Buddhismus fand, in ihm und durch ihn einen Weg zur Bewältigung von Gewalt und Haß kennenlernte. 1994 ließ er sich von Bernard Glasman zum Soto-Zen-Mönch ordinieren; seitdem ist er fast ununterbrochen unterwegs, gibt Seminare und hält Vorträge in Europa und in den USA.
Die Ordination von Claude Anshin Thomas fand im KZ Auschwitz statt, während eines von Bernie Glasman geleiteten Meditationsretreats. Glasman war der erste buddhistische Lehrer, der zur Meditation in ein Konzentrationslager einlud. Durch ihn hat Claude Anshin Thomas das KZ als einen Ort intensiven Achtsamkeitstrainings kennengelernt.
Deshalb auch nahm seine eigene Pilgerreise im Spätsommer 1999 ihren Ausgang vom "Haus der Wannsee-Konferenz" in Berlin, wo 1943 die Vernichtung der Juden beschlossen wurde, und sie führte von einem ehemaligen KZ zum nächsten.
Thomas, so beschreibt es Babette Herchenröder, "fordert auf, sich still mit der Macht der Gefühle hinzusetzen an Orte faschistischer Gewalt. Es ist ihm wichtig, sich nicht nur als Opfer zu sehen, sondern auch in der Rolle des möglichen Täters, und die Kraft und Offenheit zu entwickeln, die eigenen Verleugnungen zu erkennen".
In ihrem Film "Schritte der Heilung" kann man mitverfolgen, wie das geht und was es mit den Menschen macht, die sich auf eine solche Strapaze einlassen. Und weil Babette Herchenröder keine Heilige ist, immer wieder ringt und kämpft mit den ganz gewöhnlichen Widrigkeiten solch einer Reise, ist ihr Film bei allem Ernst auch ein heiterer, manchmal geradezu witziger Film geworden. Und damit macht "Schritte der Heilung" Lust und Mut darauf, sich selbst auf den Weg zu machen.
Kraft Wetzel
Berlin, im Oktober 2002