"Sacrificio: Wer verriet Che Guevara ?":
Höhepunkt der INPUT 2001
I. Am elektronischen Lagerfeuer
Für engagierte und weltoffene Fernsehmacher ist die TV-Konferenz INPUT, die jedes Jahr im Frühling stattfindet, ein Muß im Jahresplaner. Nur hier bekommt man fünf Tage lang eine so kompetente Auswahl der weltweit besten TV-Programme zu sehen, nur hier kann man sie mit den Filmemachern und Redakteuren ausgiebig diskutieren.
Nirgendwo sonst trifft man denn auch so viele der wachsten Köpfe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens beieinander. Hier können sie sich inspirieren lassen, ihre kreativen Batterien aufladen. Denn seit nunmehr 24 Jahren hält die INPUT hartnäckig an einer Vision fest, an dem, was Fernsehen sein könnte, wenn man die besten Leute nur machen ließe: ein Schaufenster für die Wunder der Welt, eine offene Bühne für die genauesten Beobachter, die besten Gestalter, die klügsten Denker, kurz: ein Medium für freie und deshalb befreiende Geister.
Freilich: Wer macht heute noch - Kirch, Murdoch und Berlusconi zum Trotz - Fernseh-Programme der Wahrheit und Schönheit wegen, statt für Quote, Karriere und Profit ? Wer so etwas macht, sei es als RedakteurIn in einem öffentlich-rechtlichen Sender, sei es als MacherIn auf freier Wildbahn, steht in der Regel auf einsamem Posten. Bei jeder Etat-Verhandlung weht ihnen der Gegenwind des Zeitgeistes ins Gesicht. Häufig kommen sie sich selbst schon ein wenig anachronistisch vor, auf verlorenem Posten, voll eingespannt und trotzdem einsam.
Umso größer die Freude, wenigstens einmal im Jahr unter so vielen Gleichgesinnten sein zu können: Meist sind es über 1 000 Delegierte, die aus über 40 Ländern zur INPUT zusammenströmen, vor allem aus den Hochburgen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Nordeuropa und Nordamerika. Nirgendwo in der internationalen Fernseh-Szene geht es denn auch so brüder- und schwesterlich zu: Visitenkarten werden getauscht, geknüpfte Kontakte durch möglichst häufige Umarmungen bekräftigt; Freundschaften werden geschlossen und Pläne geschmiedet. Die INPUT ist so etwas wie die Herzkammer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und ein Jungbrunnen für alle, die einfach nicht lassen mögen von dem, was Fernsehen sein könnte.
II. Welchen Judas hätten Sie denn gerne ?
Auf der INPUT gibt’s zwar keine Preise, aber es gibt Publikumslieblinge. Beim eher mittelalterlichen Stammpublikum kommen jungenhafte Außenseiter an, wenn sie frech und fantasievoll gegen den Stachel löcken. In diesem Jahr waren das Erik Gandini und Tarik Saleh, zwei junge Schweden offenbar nicht-schwedischer Herkunft. Wie zwei Rapper tänzelten sie nach der umjubelten Vorführung ihres Filmes auf der Bühne; “looser”, Verlierer seien sie, verkünden sie frohgemut feixend.
Mit nicht mehr als akribischem Spürsinn, klitzekleinen Kameras und ‘nem bißchen Geld vom Schwedischen Fernsehen bewaffnet, haben diese beiden Greenhorns nämlich Regis Debray, einen Großmeister der europäischen Intelligenzia, auf die Hörner genommen. David gegen Goliath: so etwas lieben INPUT-Delegierte.
In ihrem knapp einstündigen TV-Essay “Sacrificio: Wer verriet Che Guvara ?” erteilen die beiden zum ersten Mal Ciro Bustos das Wort, jenem Mann, von dem die vorherrschende Geschichtsschreibung annimmt, er habe den bolivianischen Militärs die Identität Che Guevaras verraten.
Damals, im September 1967, waren im bolivianischen Dschungel etwa 15 Guerilleros festgenommen worden, darunter Che Guevara, Ciro Bustos und Regis Debray. Die Militärs wußten zunächst jedenfalls nicht, mit wem sie es jeweils zu tun hatten; die Guerilleros waren natürlich unter falschen Namen und ohne Ausweise unterwegs. Ciro Bustos war als Stellvertreter von Che Guevara für diese etwa 50köpfige Truppe mitverantwortlich. Ausgerechnet er sei so unvorsichtig gewesen, seinen eigenen Paß samt Familienphotos mitzuführen: eine jener Behauptungen, die die Anklage gegen Ciro Bustos so angestrengt und unglaubhaft wirken läßt.
Doch wenn nicht er der Verräter war: Wer war’s dann ? Vielleicht der, der als erster und seitdem immer wieder mit dem Finger auf Ciro Bustos zeigt, ihm “Durchhaltevermögen” und andere Qualitäten eines wahren Revolutionärs abspricht: Regis Debray ? Warum liegt Debray so viel daran, ausgerechnet den Gefährten, mit dem er drei Jahre lang gemeinsam in bolivianischer Haft war, als Verräter anzuprangern ? Wozu braucht Debray einen Judas ?
Jedenfalls hat danach keiner so vom Mythos Che profitiert wie er: Während Ciro Bustos nach seiner Entlassung 1970 aus bolivianischer Haft im schwedischen Exil in Schlachthäusern Kühlschränke putzte, warteten auf Regis Debray in Santiago de Chile ein luxuriöses Hotel-Zimmer, eine Audienz bei Salvator Allende und die Mikrophone und Kameras der Weltpresse. Auf der Aura eines echten Kampfgefährten von Che & Fidel gründete Regis Debray seine Karriere; ihr verdankt er seine Beliebtheit in den Pariser Salons, Bestseller-Ruhm und das Prestige eines außenpolitischen Beraters von Francois Mitterands.
Debray ‘runter, Bustos ‘rauf: Das ist nur die erste Schicht von “Sacrificio”, macht freilich den Klatsch & Tratsch-Appeal dieser Geschichte aus. Richtig spannend wird der Fall Bustos vs. Debray erst, wenn man fragt, warum in diesem Stück denn überhaupt ein “jew”, ein Jude/Judas gebraucht wird. Unter Folter wird schließlich (fast) jeder schwach, und niemandem, weder Bustos noch Debray noch einem der anderen, wäre das vorzuwerfen. Überdies gab’s von Che Guevara längst Film- und Photomaterial in Hülle und Fülle: früher oder später hätten die Militärs ihn auch ohne fremde Hilfe identifiziert.
Warum spielt dann aber die Rolle des Verräters und ihre Besetzung eine so zentrale Rolle in der Che-Geschichtsschreibung ? So zentral, daß Regis Debray daran nicht rühren mag, aber es auch nicht fertigbringt, einfach wegzugehen, als Gandini & Saleh ihm mit ihren Kameras auf die Pelle rücken ? Und so faszinierend, daß zwei junge Filmemacher aus Stockholm jahrelang recherchieren, Zeugen in drei Kontinenten befragen und eine Web-Site mit Original-Dokumenten zu diesem Thema betreiben (www.sacrificio.nu) ?
Wer einen Judas braucht, will einen Christus installieren. Ohne Judas wäre die Geschichte Jesu nur halb so attraktiv: Es wäre (auch) die eines politischen Selbstmörders. Daß dieser Wunderheiler und Prediger aus der Provinz keine Chance hatte, wie er da auf einem Esel nach Jerusalem einritt, mitten in die Machtzentrale seiner Gegner, war von Anfang an klar. Jesus hat seine Provokation trotzdem durchgezogen und damit einen welthistorisch bislang unübertroffenen Quoten-Erfolg verzeichnet. Mit diesem Tod am Kreuz hat er seine message ein für allemal an den Mann gebracht.
Seitdem wissen wir, daß und wie der Tod eines Märtyrers funktioniert: als eine recht zuverlässige Technik, sich & seine IDEE in den Körper des kollektiven Imaginären einzuschreiben, sich einzuritzen wie mit dem Fahrtenmesser in junge Rinde. Jesus am Kreuz, blutend: Die schiere Gewalt dieses einen Bildes ist immer noch unübertroffen. Unter Einsatz seines ganzen Körpers hat Jesus dieses Bild einer bluttriefenden, hochdramatisch inszenierten Selbstvernichtung in’s kollektive Imaginäre der westlichen Welt eingebrannt: so tief ins Fleisch wie noch kein anderer vor ihm. Seitdem ist bekannt, wie es geht.
III. Ein Jesus mit rotem Stern an der Mütze
Jetzt, wo Sozialismus und Kommunismus am Ende zu sein scheinen, wird ihr spiritueller Grund wieder sichtbar, werden sie lesbar als weltlich gewandte Spielarten von Christentum. “Die Götter von Hammer und Sichel” nennt Yuri Khashchevatsky denn auch seinen Fernseh-Essay für ARTE, in dem er die Indienstnahme der christlichen Mythologie durch die Sowjet-Führer untersucht. Lenin, Stalin, Suslow & Co.: alles Söhne oder Enkel von Priestern ! A- oder anti-Religiös waren sie nur, insofern als sie die Rollen in ihrem Jesus-Spiel selbst besetzen wollten. Stalin zum Beispiel machte Lenin zu seinem Christus, baute ihm ein Mausoleum, installierte sich als seinen Hüter. Ohne Jesus kein Judas: Und davon produzierte Stalin dann ja ungeahnten Mengen in seinen Schauprozessen und Gulag-Lagern.
Jede “böse”, jede diktatorische, sich absolut setzende Macht braucht Märtyrer. Andere müssen für eine Sache gestorben sein, damit man weitere in den Tod schicken kann.
Auch Fidel Castro hochgewachsen und mit wildem Bart - kokettierte gerne mit der Rolle Jesu. In Wilfried Huisgens WDR-Produktion “Lieber Fidel”, der die INPUT eine Sondervorführung widmete, sind verblüffende Dokumentaraufnahmen zu sehen: 1959, als Fidel Castro seine erste Ansprache als Sieger an das kubanische Volk hält, mitten auf einem überfüllten Platz in Habana, fliegt eine weiße Taube auf ihn zu und setzt sich auf seine Schulter.
Spätestens seit diesem Augenblick fühlte er sich, zumindest in glücklichen Augenblicken wie mit seiner wunderschönen deutschen Geliebten, deren Geschichte “Lieber Fidel” erzählt, als ein würdiger Anwärter auf diese Rolle. Vielleicht trägt er deshalb die Uniform von damals immer noch zumindest bei jedem öffentlichen Auftritt ?
Doch erst ein toter Jesus taugt zum Christus. Der fiel Fidel Castro in den Schoß in Gestalt des Leichnams von Che Guevara: auf Anweisung des örtlichen CIA-Agenten erschossen am 9. Oktober 1967 von einem bolivianischen Serganten.
Fidel Castro selbst war es denn auch, der Ches Tagebücher herausgab. In seinem Vorwort dazu ergreift er Partei für Regis Debray und gegen Ciro Bustos. Kein Christus ohne Judas: Fidel Castro wußte Bescheid.
Um aus Che einen Christus zimmern zu können, brauchte man einen Judas. Politik der Effekte: kein prime time-Finale ohne einen Schurken, einen Verräter. Wenn alle auf den starren sieht keiner mehr die militärische und politische Fragwürdigkeit dieses Bolivien-Abenteuers. Monatelang waren Che Guevara & Co. damals durch den Dschungel geirrt, isoliert, krank, deprimiert und ohne den geringsten revolutionären Nutzen.
Mit Jesus hinterlegt, funktionierte Che dennoch als Mythos. Ausgerechnet der Asthma-geplagte Anführer der kläglichsten Freischärler-Truppe der lateinamerikanischen Revolutionsgeschichte brachte es binnen weniger Jahre zur zentralen Ikone der ‘68er-Generation. Als Poster hing Che Guevara in den 70er Jahren nicht nur in linken WGs auf dem Klo (neben dem des ziegenbärtigen Frank Zappa nackt auf dem Klo), sondern auch an den Wänden ansonsten braver Vorstadtkinder auch bei Erik Gandini und Tarik Saleh. Als nach der INPUT-Vorführung von “Sacrificio” der Beifall verebbt war, zog Tarik Saleh sein linkes Hosenbein hoch und hielt seinen Fuß ins Rampenlicht. Da war es wieder, das archetypische Konterfei Ches, in Anarcho-Schwarz und Kommunisten-Rot: eingewebt in seine Socken.
Das Geschäft mit Märtyrer-Mythen gründet übrigens auf einer typischen Männer-Fantasie: man(n) könne die Richtigkeit einer Idee beweisen, indem man für sie stirbt. Auch noch diesen psychischen Urgrund des Christus-Spiels, diese Vereinseitigung und Übersteigerung des männlichen Prinzips ins Lebensfeindliche hinein, können Gandini & Saleh spürbar machen: vielleicht weil sie selbst ein funktionierendes Paar sind ? Jedenfalls kann der massenpsychologischen Wirksamkeit des Christus-Spiels nur die Einsicht entgegenwirken, daß jeder Mythos ein gedankliches Konstrukt zu ganz bestimmten, benennbaren Zwecken ist und daß keine “Idee”, keine Folge von Worten es wert ist, für sie zu sterben.
IV. ”Hinaus ins Offene, Freund ...”
Den besten INPUT-Programmen ging es nicht darum, neue Wahrheiten zu verkünden, sondern die alten aufzulösen, die konzeptionellen und begrifflichen Überreste der untergegangenen Ideologien zu durchleuchten, und so Platz zu schaffen für die Wahrnehmung dessen, was wirklich los ist.
Ideologische Abbruchunternehmungen zu fördern, den frischen, neuen, klaren Blick das ist die Mission der INPUT, die im nächsten Frühjahr in Rotterdam ihr 25. Jubiläum feiern wird: stolze Leistung für eine Initiative von TV-Enthusiasten ohne Etat und festen Stab.
Um so schöner, daß INPUT dieses Jubiläum unter deutscher Federführung feiern wird: Hansjürgen Rosenbauer, Intendant des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB), wurde soeben für die nächsten zwei Jahre zum INPUT-Präsidenten gewählt als erster Deutscher.
Für sich selbst brauche er dieses Amt nicht, sagt Rosenbauer, und ihm glaubt man das. Nur sei ihm aufgefallen, wie selten Deutsche in solchen Initiativen Spitzenämter bekleiden. Rosenbauer hat recht: Wo es auf der internationalen Bühne um gute Werke geht, wählt man einen Deutschen nur selten an die Spitze.
Dabei verkörpert Rosenbauer genau jenen Typus von bescheidenem Deutschen, der sich für internationale Führungsaufgaben aufs Beste qualifiziert hat: einer jener sanftmütig-vorsichtigen, geduldigen und leisen Männer, die die Lektion unserer Geschichte gelernt und dennoch Führungsqualitäten entwickelt und kultiviert haben.
Hansjürgen Rosenbauer an der Spitze der INPUT: das ist eine wunderbare Nachricht auch für die Mitarbeiter seines eigenen Hauses in Potsdam-Babelsberg.
Denn ab nächstem Frühjahr werden die INPUT- Programme nicht mehr in Mailand bei der RAI, sondern beim ORB ausgewählt werden: zehn Tage lang, von rund zwanzig ”shop stewards” aus aller Herren Länder.
Zehn Tage lang einige der klügsten Köpfe und die besten TV-Programme aus aller Welt in Potsdam: Könnte da nicht der eine oder andere Funke überspringen, auch ins eigene Programm ? Wenn schon der SFB die Chance verschenkt, ein Hauptstadt-, ein Metropolen-Programm zu machen, weltoffen und polyglott, könnte da nicht der ORB gewissermaßen durch die Hintertüre Berlins ein bißchen etwas hereinlassen vom Wind der großen weiten Welt ?
Kraft Wetzel
Berlin, 14.5.2001
Unter dem Titel
"Welchen Judas hätten Sie denn gern?"
(in gekürzter Fassung) erschienen in
DIE ZEIT, am 17. Mai 2001.
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