Abschied von Moritz

Zum Auftakt der 51. Internationalen Filmfestspiele Berlin

I. Ach ja, der Fehlerteufel

Ich gebe zu, daß ich von Anfang an nach Zeichen suchte, nach Signalen dafür, daß dies die letzte Berlinale unter der Leitung von Moritz de Hadeln sein würde. Aber daß es so dicke kam, hat mich dann doch gewundert.

"Pfusch beim Druck der Berlinale-Broschüre" vermeldete bereits vier Tage vor der Eröffnung die FAZ: Denn auf dem offiziellen Berlinale-Programm, das in 100 000 Ex-emplaren in der ganzen Stadt verteilt wurde, fehlt das Berlinale-Signet.

Die FAZ weiter: "Das Motiv der diesjährigen Berlinale, ein Stoppschild mit einem Berliner Bären, ist dort ohne den Bären abgedruckt. Die Londoner Agentur, die das Programmheft verantwortet, soll bei der Übermittlung der Bilddaten Schwierigkeiten gehabt haben, erklärte die Leitung der Berlinale. Warum das zuvor niemand bemerkt hat, geht aus der Erklärung nicht hervor (...)."

Seit Freud ist es fast schon Allgemeingut: Fehler sind die Sprache des Unbewußten. Anders gesagt: Es gibt gar keine "Fehler"; man braucht nur manchmal etwas länger, bis man dahinterkommt, warum man getan hat, was man tat.

Ich vermute also, daß - wem auch immer dieser "Fehler" unterlief - nur das (wieder) sichtbar machte, was Moritz de Hadeln und sein Graphiker Volker Noth, der ihm seit 21 Jahren treu geblieben ist, eigentlich zum Ausdruck bringen wollten.

Mit Werbung für Film & Kino hat das diesjährige Berlinale-Plakat nämlich nur noch am Rande zu tun. In der oberen Bildhälfte rast von rechts ein roter Schnellzug ins Bild; aus der unteren Hälfte kommt uns der Unterleib eines Radfahrers entgegen. Und genau in der Mitte - dort, wo beider Spur sich schneidet - genau dort prangt ein knallrotes Stoppschild.

Um diese ziemlich brutale Collage zu entschlüsseln, müssen wir in den April letzten Jahres zurückblenden.

Moritz de Hadeln & Co. hatten eben den logistisch komplexen Umzug der Berlinale ins Klein-Manhattan am Potsdamer Platz mit Bravour absolviert. Sie wähnten sich fest im Sattel, in vollem Galopp neuen Besucherrekorden entgegen - da knallt ihnen Michael Naumann die rote Kelle vor's Gesicht: Kündigung, out of the blue; de Hadeln soll es aus der Zeitung erfahren haben, bevor ihn Naumanns Brief erreichte.

Der Kulturminister hatte freilich nur kaltschnäuzig den einen vorzeitigen Kündi-gungstermin genutzt, den der bis 2003 laufende Vertrag des Festivaldirektors vorsah. Denn Naumann mochte de Hadeln nicht. Und er hat bald gemerkt, daß viele ihn nicht mögen. Hinter den Kulissen engagierte er Dieter Kosslick als Nachfolger - und stellte de Hadeln den Stuhl vor die Tür: Stopp.

Und wie geht es de Hadeln jetzt? 21 Jahre lang on the top - und plötzlich muß er spüren, daß ihn keiner mehr haben will. Eine Agentur zur Beratung von Festivals will er gründen: So nennt man das wohl, wenn einen keiner an Bord nehmen will, man aber das große Rad einfach nicht loslassen kann.

In zwanzig Jahren, auf dann historischen Fernseh-Ausschnitten, wird Moritz de Hadeln ziemlich fremd und out of this world wirken: ein bißchen wie Ludwig Erhard oder Kurt Georg Kiesinger. Und unsere Kinder werden sich wundern, wie damals ein Mann über 20 Jahre lang Berlinale-Chef sein durfte, der sich so unbeholfen bewegte, so unglücklich dreinschaute und auf deutsch nicht einen grammatikalisch korrekten Satz zustande brachte.


II. Euroschrott good-bye !

Der Wettbewerb ist das Schmuckkästchen jedes Festivaldirektors. Man wird vermu-ten dürfen, daß sich Moritz de Hadeln bei diesem letzten Mal besondere Mühe gegeben hat, ihm seinen Stempel aufzuprägen - und die Latte für seinen jungen, geschmeidigen Nachfolger möglichst hoch zu legen.

Der Anfang und das Ende einer Erzählung sind die privilegierten Augenblicke.

An den Schluß hat de Hadeln die Wiederaufführung eines unbestrittenen Glanzstücks der jüngeren Filmgeschichte gesetzt: "2001: Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick - ein Brite, der es in Hollywood zur Meisterschaft gebracht hat.

Moritz de Hadeln weiß, was ein guter Film ist; wer daran noch zweifelt, sollte sich "Moritz's Favorites" anschauen - eine Sonderschau seiner Lieblingsfilme, die er sich zu seinem Abschied gegönnt hat.


Man hätte also erwarten dürfen, daß de Hadeln auch für die Eröffnung einen Film wählt, auf den er große Stücke hält: Letztes Jahr war das "The Million-Dollar-Hotel" von Wim Wenders, in diesem Jahr war es "Duell - Enemy at my Gate" von Jean-Jacques Annaud, mit 180 Mio. DM die teuerste europäische Produktion aller Zeiten. Wie dem auch sei: Mit dieser Plazierung hat er den Film jedenfalls ganz vorn an die Rampe, ins Scheinwerferlicht geschoben - und ihm damit, publizistisch und image-politisch, den Todesstoß versetzt.

"Duell": So etwas platt und dumm Erzähltes, ganz und gar Unnötiges hatte man, da waren sich Publikum und schreibende Zunft auf Anhieb einig, schon lange nicht mehr gesehen. Die Materialschlacht um Stalingrad anno '42/'43 auf den Nenner eines Duells zweier Schießkünstler herunterzubringen: etwas so ganz und gar Blödes lud ein zu publizistischen Schlachtfesten. Allein in der "Berliner Zeitung" wurde er (mindestens) dreimal zerrissen, mit unverhohlenem Genuß.

In den Berlinale-Kinos, im Smalltalk zwischen den Filmen, überbot man sich noch tagelang bei der Aufzählung besonders dämlicher Details: der Zwischenschnitt auf den wehenden Mantel beim finalen Showdown zum Beispiel, oder Eva Matthes aus-gerechnet als "Mütterchen Rußland". Ein Vorführer aus Ostberlin wunderte sich, warum die ihm aus DDR-Zeiten geläufige Rote Armee-Schmonzette nun aus dem Westen auf ihn zu komme - nur daß Russen und Nazis jetzt von Amis gespielt werden ...

Jedes Desaster hat sein Gutes: Es reinigt die Luft. Wenn's gut geht, markiert die publizistische Beerdigung von "Duell" den Anfang vom Ende eines ganzen Genres: des Kriegsfilms.

Bislang galt der den big guys des Filmgeschäfts als sichere Nummer: Denn im und mit dem Kriegsfilm konnte man lange Zeit (Kino-)Erfolg erzwingen. Man mußte nur genug Geld ausgeben: genügend Panzer auffahren, Gebäude in die Luft sprengen, Blut spritzen lassen.

Doch damit scheint's ein Ende zu haben: Es hat ganz offenbar, jedenfalls in unseren Breiten, eine Art mentaler Abrüstung stattgefunden. Krieg als Kino-Unterhaltung je-denfalls ist offenbar passé. Schon der bislang letzte Versuch eines deutschen Kriegsfilms, Joseph Vilsmeiers "Stalingrad", war ein ziemlicher Flop. Wenn "Duell" nach dem Debakel in Berlin nun auch in den Kinos Schiffbruch erleidet, könnte er den Kriegsfilm, den deutschen und westeuropäischen jedenfalls, mit ins Grab nehmen.

Vielleicht ist es das, was de Hadeln zum Abschied erreichen wollte. Jedenfalls ist es das, was er damit bewirkt haben könnte. Und die Wahrheit dessen, was man will, ist: was man tut. In diesem Sinne: Respekt, lieber Moritz, und vielen Dank!


Kraft Wetzel

Berlin, 15.2.2001

Unter dem Titel

"Abschied: Zum Auftakt der 51. Internationalen Filmfestspiele Berlin"

(in gekürzter Fassung) erschienen im FREITAG, am 16. Februar 2001.

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