Der "Lebendige Adventskalender"
Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Kraft Wetzel
|
Wir müssen nicht erst nach Indien fliegen oder nach Afrika, um ungewöhnliche Abenteuer, die großen und kleinen Wunder dieser Welt zu erleben. Manchmal genügt schon ein Besuch beim unbekannten Nachbarn zwei Häuser weiter. Doch in der Regel trauen wir uns nicht, Kontakt mit einem fremden Menschen aufzunehmen, einfach so nur weil es ihn gibt, nur weil er unser Nachbar ist. Wir brauchen einen Vorwand, einen Anlass.
Ein solcher Anlass ist nun schon im dritten Jahr der "Lebendige Adventskalender" im Sprengel-Kiez, den unsere Gemeinde zusammen mit dem Kiez-Rat organisiert. Das Spiel geht so: Bis zum Heiligen Abend öffnet an jedem Tag im Dezember irgendwo im Kiez zwischen 18 und 20 Uhr ein Mensch seine Tür und alle Nachbarinnen und Nachbarn sind eingeladen einzutreten.
Das ist ein bisschen wie Bunjee Jumping in den Alltag hinein: Die einen wissen nicht, wer kommt die andern nicht, wohin sie geraten. Und dann wird es doch immer wieder wunderschön, jedes Mal auf andere Weise befriedigend, nährend…
Am liebsten erinnere ich mich an den 22. Dezember letzten Jahres, den Abend bei Matthias Stark. Matthias kenne ich aus der "Milchmeergalerie"*. Er arbeitet im Virchow-Krankenhaus und spielt in seiner freien Zeit Bass in der Haus-Band der Galerie, den "Totenkopfdienern".
Auf diesen Abend war ich besonders gespannt. Ich wollte eine Brücke schlagen zwischen der Künstler-Szene um die "Milchmeergalerie" und dem Milieu der Kiez-AktivistInnen, die das Gros der Besucher des "Lebendigen Adventskalenders" ausmachen; deshalb hatte ich mir ziemlich Mühe gegeben, Matthias als Gastgeber zu gewinnen.
Der Brückenbau hatte offensichtlich geklappt: Fast alle Freunde und Freundinnen der "Milchmeergalerie" waren da, dazwischen saß Angela aus Wolfgang Krügers "Garten- und Wasser-Kiez"-Truppe, wie immer bei festlichen Anlässen mit wunderschönen kirschroten Lippen, Angelika war gekommen, zwei, drei weitere Kiez-Aktivisten und auch ein paar neue Gesichter konnte ich entdecken. Angela stimmte ein Loblied auf den "Lebendigen Adventskalender" an und auch auf mich. Das machte mich zwar stolz, war mir aber auch ein bisschen peinlich, und ich verließ das Wohnzimmer.
Im Flur stürzte mir Angelika entgegen und strahlte mich an. Ein kleines Wunder, denn noch im Frühjahr hatte sie eine Stellungnahme zu einem Konflikt zwischen Wolfgang Krüger und mir in Umlauf gebracht, aus der Gift und Galle gespritzt hatten. Doch an diesem Abend erklärte sie mit leuchtenden Augen, sie habe nun erkannt, dass ich doch Gutes wolle, und küsste mir auf die Wange.
Ich ging zurück ins Wohnzimmer und wurde dort von dem innigsten Lächeln seit langem begrüßt. Da war sie wieder, die stille, eher unauffällige Frau, nun schon zum dritten oder vierten Mal zu Gast an einem Abend des "Lebendigen Adventkalenders". Jedes Mal war sie ein bisschen lockerer geworden, fröhlicher, heiterer. Und nun saß sie da zwischen all den "Milchmeer"-Leuten, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte, als hätte sie schon immer da gesessen und fühlte sich offenkundig pudelwohl.
Diese absolut spontane, reine Dankbarkeit und Güte in ihrem Blick, als ich das Zimmer betrat, ging mir direkt ins Herz. Nichts kann mich mehr rühren, nähren und beglücken als solch ein Blick. Wenn ich in so viel ungetrübtes Wohlwollen eintauchen darf, dann weiß ich, dass ich etwas richtig gemacht habe, dass alles gut ist genau so, wie es gerade ist.
Derart beschenkt verließ ich die fröhliche Runde vorzeitig, denn ich wollte noch zum "Weihnachtsoratorium" in die St. Hedwigs-Kathedrale. Auf der Straße kam mir Tina Ihrke entgegen, die zusammen mit ihrer Tochter Lynn auf dem Weg zu Matthias war. Sie hielt mir eine viereckige Tupper-Schale entgegen, die in der Kälte dampfte, und fragte: "Möchtest Du Weihnachtsgebäck?" Die Plätzchen waren noch warm und dufteten köstlich. "Nimm gleich zwei!", sagte Tina, "Eins für sofort und eins für die U-Bahn." Beschwingt zog ich von hinnen.
Engel gibt's die ? Aber sicher doch! Wir nehmen sie nur nicht immer wahr, weil wir den Kopf so voll haben.
Meinetwegen kann's jederzeit wieder Dezember werden.
* Fehmarner Straße 22, geöffnet Mo Fr 13 18 Uhr, www.milchmeergalerie.de
Wir werden auch in diesem Jahr den "Lebendigen Adventskalender" anbieten, und Sie können sich jetzt schon überlegen, ob Sie als Gastgeberin oder Gastgeber dabei sein mögen. Melden Sie sich ggf. bei Dietlind Stobbe (Tel. 453 30 46) oder bei Kraft Wetzel (Tel. 453 41 01).
|
Berlin, im Januar 2006
|
Seitenanfang
|
Zur Artikelübersicht
|
|
|