Für manche ist er ein gefährdeter, gefährlicher Grenzgänger, für andere ein einflußreicher Vermittler zwischen Christentum und Buddhismus, zwischen östlicher Spiritualität und westlichem Gottesglauben: der 77jährige Willigis Jäger, dem Anfang des Jahres weitere Vorträge, Seminare und Veröffentlichungen von seinen Dienstherren verboten wurden.
Seit seinem 20. Lebensjahr ist er Mönch bei den Benediktinern der Abtei Münsterschwarzach in der Nähe von Würzburg. Er studierte Philosophie, Theologie und christliche Mystik, arbeitete als Bildungsreferent für "Missio" und "Misereor". Irgendwann reichte ihm das nicht mehr. Weder die traditionelle Frömmigkeit noch der soziale Dienst stillten seinen spirituellen Hunger. Er wollte endlich erfahren, woran er glaubte. Den direkten Kontakt zu Gott suchte er, die unmittelbare, unbezweifelbare, authentische Erfahrung des Göttlichen.
Deshalb machte er sich - mit 50 Jahren - auf nach Japan. In einem Zen-Kloster, vor allem bei dem Zen-Lehrer Yamada-roshi, absolvierte er eine gründliche Ausbildung in buddhistischer Meditation. Nach sechs Jahren erhielt er die Lehrerlaubnis von seinem Meister und kehrte zurück nach Würzburg. Dort gründete er 1983 das Meditationszentrum "Haus Sankt Benedikt", wo er seitdem abwechselnd christliche Kontemplation und buddhistische Zen-Meditation lehrt - vor jährlich über 1 000 Schülerinnen und Schülern. Seit 1996 nennt er sich auch "Ko-un roshi": Er ist der erste Europäer, der den obersten Rang der Sanbo-Kyodan-Schule erreicht hat und den Ehrentitel "roshi" tragen darf.
Dennoch ist er dem Christentum nicht untreu geworden: Er war nur weggegangen, um in seiner eigenen spirituellen Tradition anzukommen. Seine japanischen Lehrer halfen ihm, das Eigene, den spirituellen Reichtum des Abendlands zu entdecken. Die Zen-buddhistische Praxis öffnete ihm die Augen für die christliche Mystik, in der er "die gleichen Strukturelemente" entdeckte, und für lange vernachlässigte Praktiken des Christentums wie die "Kontemplation" und das "gegenstandslose Gebet".
Plötzlich verstand Willigis Jäger christliche Mystiker wie Meister Eckhart, erkannte er seine eigenen Erfahrungen in ihren Worten und Bildern wieder. Der christliche Mystiker denkt Gott nicht als ein Gegenüber, als etwas außerhalb von sich, sondern er erfährt ihn an und in sich: in der "unio mystica", als reines, alles umfassendes Sein.
"Was wir Abendländer Gott nennen, wird [zum Beispiel im Buddhismus] als die Eine Wirklichkeit gesehen, die sich vielgestaltig offenbart, dabei aber immer sie selber bleibt. Sie ist wie das Meer, das sich in millionenfachem Wellenschlag offenbart, aber immer das gleiche Wasser bleibt." (Willigis Jäger)
Gott als die Eine Wirklichkeit ? Da vermißt nicht nur der Weltanschauungsbeauftragte des Bistums Würzburg den "personalen Gottesbegriff". Auch die Glaubenskongregation des Vatikans, die die 'Reinheit' der Lehre überwacht, sieht zentrale Glaubenssätze in Gefahr.
"Damit nicht weitere Verwirrung unter den Gläubigen entsteht", so erklärte das bischöfliche Ordinariat Würzburg der Presse im Januar dieses Jahres, sei dem Pater die Verbreitung seiner Lehre durch Veröffentlichungen, Vorträge und Seminare bis auf weiteres untersagt worden. Damit seien "weitergehende Maßnahmen vermieden" worden, hieß es.
"Ich fühle mich als einer, der einen Maulkorb verpaßt bekommen hat", sagt er. Und Ludger Beckmann, Sprecher der "Initiative zur Unterstützung von Pater Willigis Jäger" kommentiert: "Ich und viele andere Christen, die Schüler bei Pater Willigis Jäger sind oder sich mit seinen Aussagen und Lehren beschäftigen, sind erschüttert. Als Christ und Mitglied der Kirche schäme ich mich für eine solche Umgangsweise im 21. Jahrhundert. Und als Zeitgenosse denke ich, daß die Meinungsfreiheit auch innerhalb der Kirche gelten sollte."
Nicht verboten wurde Pater Willigis, seine vielen Schülerinnen und Schüler auch weiterhin seelsorgerisch zu begleiten. Wir haben ihn deshalb für Samstag, den 4. Mai 2002 zu einer gemeinsamen Kontemplation nach Berlin eingeladen.
Es fügt sich so, daß an diesem 4. Mai die Buddhisten Berlins das Vesakh-Fest feiern, den Geburts- und Erleuchtungstag Buddhas: von 10 bis 18 Uhr auf dem Gelände der ufa-Fabrik in Berlin-Tempelhof.
Der Abend mit Willigis Jäger wird im Max-Beckmann-Saal [Luxemburger Straße 20, in 13353 Berlin-Wedding, U 9 / Amrumer Straße] stattfinden und um 20 Uhr beginnen. Der Eintritt beträgt 10 €, ermäßigt 5 €, darüber hinaus bitten wir um viele milde Gaben in ein Extra-Körbchen. Den Erlös des Abends schenken wir der bettelarmen Dankeskirche im Berliner Wedding als Beitrag zur Instandsetzung ihres leckenden Daches.