Kunst, Kiez, Nachbarschaft:

Wie diese Ausstellung zustande kam

Von Kraft Wetzel

Seit dem Herbst 1978 wohne ich im Wedding: fast zwanzig Jahre in der Buchstraße, seit kurzem am Nordufer, in der liebevoll gepflegten Anlage der "Bau- und Wohngenossenschaft von 1892".

Ich find's wunderschön da, bei uns am Nordufer, den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal im Blick, mit dem Heizkraftwerk, den Kohlenschiffen gegenüber und den vielen Kneipen am Ufer entlang. Deshalb habe ich mich schon ein bißchen gewundert, plötzlich zum Bewohner eines 'Problemkiezes' erklärt worden zu sein. Als den hat uns die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nämlich mit einem "Quartiersmanagement Sprengel-/Sparrplatz-Kiez" beglückt.

Die beiden Quartiersmanager sind mit einem "Aktionsfond" von 30 000 DM ausgestattet worden. Und sie suchten Bürger, die einen Kiez-Beirat bilden und über die Vergabe dieser Mittel wachen sollten. Für diesen Kiez-Beirat stellte ich mich zur Verfügung: ich hatte eh' Lust darauf, mich im Kiez zu engagieren, in meinem geliebten Viertel auch sozial und politisch Wurzeln zu schlagen.

Ich liebäugelte schon seit längerem mit der "Milchmeergalerie", an der ich jeden Tag auf dem Weg zur U-Bahn vorbeikomme: so ein pfiffiger Platz, dachte ich, da könnte, da sollte man 'mal 'was machen. Dann lernte ich im Kiez-Beirat eine Malerin namens Alraune kennen ...

Da kam mir die Idee, Micha, einem der Galerie-Betreiber, eine gemeinsame Ausstellung vorzuschlagen: Man könne doch seine großformatigen Comix den romantisch-phantastischen Gemälden von Alraune gegenüberstellen; und dazu könnte vielleicht jeder noch jemanden aussuchen, eine/n Künstler/Künstlerin seiner/ihrer Wahl. Micha war einverstanden; meine Partnerin Usch von
NIRWANA EVENTS kalkulierte das Projekt, und ich stellte einen Antrag auf einen Zuschuß aus dem "Aktionsfond" des "Quartiersmanagements". Der Beirat stimmte zu.

Am Ende brauchten wir nach weiteren Künstlern gar nicht zu suchen: Sie liefen uns von alleine zu.

Auf Heinz Schneider wurde ich in der Konditorei Neumann an der U-Bahn Amrumer Straße aufmerksam: Dort hingen - und hängen immer noch - einige seiner Arbeiten. Vor allem fiel mir ein Aquarell von der Panke ins Auge: an der nämlich hatten meine Partnerin und ich gerade ein Büro für unsere Veranstaltungsagentur
NIRWANA EVENTS angemietet.

Dieser Maler, so erzählte mir der Konditor mit sichtbarer Begeisterung, sei schon 80 Jahre alt, aber noch voller Vitalität, der mache Jüngeren ganz schwer 'was vor ! Der fahre schon seit Jahren nach Sylt ! Ich rief ihn an, und er sagte sofort zu.

Die letzte Künstlerin schließlich - wir suchten noch jemanden zwischen 20 und 25, dann hätten wir vier Generationen zusammen - traf ich im "Bavarokko" auf der Müllerstraße - erfolgreich getarnt als Kellnerin. In dieser Rolle setzte sie sich einfach zu mir.

Tina M. Lucht ist noch neu im Wedding, wohnt um die Ecke vom "Bavarokko", in der Schö-ningstraße, ganz nah am Schillerpark. Sonntags jobbt sie hier; in diesem Lokal und keinem anderen wollte sie arbeiten, das wußte sie schon bei ihrem ersten Besuch dort. Inzwischen macht sie den Schweinebraten, und sie bedient; hauptsächlich aber holt sie das Abitur nach, um dann vielleicht 'auf Lehramt' zu studieren, Kunstlehrerin zu werden.

Daß sie selbst malt, und vor allem: wie verblüffend talentiert, das erfuhr ich nur, weil ich sie eine Woche später anrief und fragte, ob sie vielleicht eine Malerin oder einen Maler in ihrem Alter kenne, der für unsere Ausstellung in Frage käme. Wir könnten ja 'mal vorbeikommen, schlug sie vor, und uns ihre Sachen anschauen.

Im übrigen gäbe es diese Ausstellung nicht, jedenfalls nicht halb so schön, ohne Tina, die andere Tina, den guten Geist der "Milchmeergalerie". Sie war unsere wundervollste Entdeckung während der Arbeit an dieser Ausstellung.

Ein Kunst-Raum lebt spirituell, energetisch, atmosphärisch von dem Menschen, der ihn betreibt, ihn liebt und belebt. Diese "Milchmeergalerie": das ist zuallererst ihr Platz: ihr Paradies, ihre Höhle. Und es sind ihre 'lebensgroßen' Figuren, vor allem die leuchtendrote Katzenfrau und Lurchi, der Salamander, die in diesem Raum die Energie auch dann noch halten, wenn alle gegangen sind.

Berlin-Wedding, 24.11. 1999

Heinz Schneider

1919 in Berlin-Prenzlauer Berg geboren,

seit 1946 wohnt er im Wedding.

Mit 13 Jahren geht er von der Schule ab. Das Arbeitsamt schickt ihn erst

einmal für ein halbes Jahr nach Hause: er sei noch zu klein.

1933-1937 Lehre als Fotograph und Retuscheur bei der Firma Scherl, Zimmerstraße, nebenher Abendkurse auf der Schule für Graphik,

bezahlt von der Firma und der Arbeitsfront.

Nach dem Krieg Ausbildung zum Graphiker an der Kunstgewerbeschule Andreastraße (heute: Akademie für Druck und Graphik) in Berlin.

1948-1949 arbeitet er im Graphikstudio von Professor Hilpert

(Ausstellungsbau, Werbung u.a.), 1950-1952 als freischaffender Künstler

in mehreren Werbestudios (u.a. Werbeschilder, Messestände).

1951-1982 Designer von Möbeln, Stoffen und Tapeten für die Firma

Masa-Dekorpapier Berlin/Frankfurt am Main.

Nebenher malt er frei.

Ab Ende der 40er Jahre gehört er zu der lockeren Künstlergruppe um das

"Café Münchhausen" in der Seestraße. Anfang der 50er Jahre wird er Mitglied im Reinickendorfer Künstlerbund, ab 1962 Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler Berlin.

Zahlreiche Ausstellungen u.a. in Berlin, Sylt, Frankfurt am Main, Nizza, Charleroi, Ibiza, Monte Carlo, New York und der japanischen Partnerstadt des Weddings Higashiosaka.

Juli 1999: Retrospektive des Gesamtwerkes in der Otto-Nagel-Galerie in der Seestraße; bei dieser Gelegenheit wird ihm die Wedding-Medaille, die höchste Ehrung des Bezirks, von Bürgermeister Hans Nisblé verliehen.

Heinz Schneider über seine Lust an der Malerei:

Ich hatte immer schon Lust zu malen, egal was, ob Landschaften oder Figuren. Unterwegs habe ich immer einen Zeichenblock dabei, da wird skizziert, und zu Hause wird's ausgemalt. Egal, wo ich bin, da wird gezeichnet. Aber ich muß nicht; bei schönem Wetter liege ich am Strand wie alle anderen auch.

Alraune E. Pietsch

1947 in Dornholzhausen im Kleebachtal geboren,

dort aufgewachsen, Familie, zwei Kinder

1986 Flucht nach Berlin

1989 Beginn des Malens, autodidaktisch unter dem Namen Kübios

(d.h. Über-Lebens-nstlerin Sein)

1991 Brustamputation

1992/93 Ausbildung zur Märchenerzählerin, Beschäftigung

mit Märchentherapie und -meditation. Neuer Name: Alraune

1995 Erste Einzelausstellung "Bewegungen"

bei Franziska Düwel "in min hus" (Steinkirchen)

1997 Beginn der Arbeit mit Objekten

Mai 1999 Ausstellung in der Baptistengemeinde Wedding

unter dem Motto "Mittemang"

Oktober/November 1999 Schaufenstergestaltung

bei der Kunstaktion "Licht in den Kiez" im Wedding

Alraune Pietsch über ihre Kunst und den Schmerz:

Kunst ist für mich der lust- und schmerzvolle Tanz von Geist, Körper und Seele in alltäglichen Begegnungen. In der Auseinandersetzung mit Farben, Formen und Gegenständen enttarne und entwaffne ich die inneren und äußeren Bewerter. So versuche ich, dem Reichtum der Phantasie die Bewegung in der Erfahrung zu ermöglichen.

Reichtum liegt für mich in der Tiefe und Intensität des zugelassenen Erfahrungsschmerzes. Er liegt im Lachen, das dem Urquell des Lebensimpulses entspringt.

Ganz Ohr sein an diesem göttlichen Quell und ihm Ausdruck verleihen können: das ist Reichtum für mich.

So wurde zum Beispiel die große Wunde meiner Brustamputation von einem Brachland, einem Krisengebiet, zu einem (meinem) Brustgarten. Der Tod wurde mein bester Lebensberater, und er ist mein eigentlicher Lebens-Mut-Macher.

Im Bemühen und der Fähigkeit, zwischen den Falten und Zeilen zu lesen, liegt die Kunst / meine Kunst.

C. Ihrke & M. el Lewinski über sich und ihre "Milchmeergalerie":

Es ist die Liebe zur Kunst und zur eigenen Kreativität, die uns dazu treibt, uns der Herstellung von Kunstwerken zu widmen. Sie nimmt soviel Raum ein in unserem Leben, daß ein beständiger Platz dafür nötig (und auch möglich) war.

Micha el Lewinski fühlte sich von Galeristen betrogen; deshalb machte er sich darüber Gedanken, eine Galerie aufzubauen, sich eine eigene Ausstellungsfläche zu schaffen. Der Wedding schien ihm dafür ideal, er konnte eine kulturelle Bereicherung durchaus vertragen.

Dieser Ort sollte nicht nur für ihn alleine da sein; als er dann Christine Ihrke kennenlernte, hatte er die passende Gefährtin für ein dem Ideal verhaftetes Dasein gefunden.

Die "Milchmeergalerie" ist durch ihre Raumgestaltung selbst ein Kunstwerk und hat allen Künstlern, die dort eine Ausstellung, eine Lesung oder einen sonstigen Ausbruch von Schaffenskraft hatten und haben, eine Präsentationsmöglichkeit gegeben.

Christine Ihrke, geboren am 28.03.1965 in Berlin, hat unter anderem Skulpturen aus Papier angefertigt, lebensgroße Büsten mit ausdrucksvollen Gesichtern. Auch Taschen sind für sie seit langem ein Thema, weil man sie benutzen kann. So kann man Kunst nicht nur immer bei sich haben, sondern ihr auch noch einen praktischen Sinn zu geben und mit ihr zu leben.

Am liebsten beschäftigt sie sich mit dem, was sie als nächstes macht: im Augenlick ist das eine Kollektion von Pflanzen-Schmuck aus Latex.

Micha el Lewinski, geboren am 25.09.1963 in Berlin, malt, seit er sechs Jahre alt ist: Wesen, die er direkt aus seinem Kopf auf das Papier bannt. Seine Art von Darstellung zu beschreiben wäre unsinnig: dafür gibt es die Bilder. Es sind kraftvolle Bilder, mit mächtigen Kreaturen, für die er ganz alleine selber die Verantwortung trägt. POK ist eine dreidimensionale Erweiterung dieser Bildthematik und steht einem mitten gegenüber.

Beide Künstler verbindet eine Liebesbeziehung, die durch Nachwuchs erweitert wurde: alles zusammen eine sehr lebendige Verbindung.

Tina M. Lucht

Geboren am 21.9.1976 in Neumünster, Schleswig-Holstein

Aufgewachsen in München, dort Mittlere Reife im Juli 1995

1996-99 Ausbildung zur Malerin und Bühnenbildnerin

in der "Etage" in Berlin-Kreuzberg,

währenddessen unter anderem Hospitanz am Hansa-Theater,

Bühnenbild und Kostüme für die Berliner Compagnie

Seit August 1999 auf dem Zweiten Bildungsweg zum Abitur:

am Kolleg der Albert-Einstein-Volkshochschule in Berlin-Schöneberg


Maria Seibert über Tina M. Lucht:

Für die in Malerei und Bühnenbild ausgebildete Tina Marlen Lucht ist der Körper ein zentrales Thema, das immer wieder variiert und neu inszeniert wird.

Durch die Verbindung mit dem Theater ist ihre Wahrnehmung und Beurteilung von Körpern alles andere als gängig oder gefällig. In ihren Akten erscheint ein Leib nie einfach als "schön" oder "häßlich".

Mit ihrer intensiven Farbgebung und dem energischen Strich stellt sie dem Betrachter die Frage: Wer oder was wohnt in dem Haus Körper?

Eine Antwort darauf kann nur der Betrachter, die Betrachterin geben.